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  Kräuterwissen vergangener Zeiten

 

Das Wissen der Menschen über Kräuter und deren Verwendung als Heilpflanzen und als Gewürze reicht in allen Kulturkreisen bis weit in die Menschengeschichte zurück. Auch heute noch bedeutsam ist die Heilpflanzenkunde der Antike, insbesondere die Lehre des Dioskurides, die als ein vorwissenschaftlicher Ursprung unserer heutigen pharmazeutischen Wissenschaft angesehen werden kann.

Dioskurides, ein griechischer Militärarzt, hat teils aus eigener Beobachtung und Erfahrung , teils durch rege Reisetätigkeit in Kleinasien umfangreiches Wissen über Kräuter und deren Verwendung zur Heilung zusammengetragen, das bis ins Mittelalter als eine unantastbare Quelle für die Lehre von den Heilpflanzen galt. Dieses Wissen wurde von Generation zu Generation in Kräuterbüchern überliefert.

Bis zur Erfindung des Buchdruckes um 1450 wurden diese Bücher ausschließlich handschriftlich angefertigt und vervielfältigt. Die Vervielfältigung von Büchern geschah überwiegend in klösterlichen Schreibstuben durch Mönche. Dabei wurde nicht nur der Text abgeschrieben, sondern auch Illustrationen wurden von Hand ausgeführt. So war jedes Buch ein Unikat.

 
  Pflanzenkunde im Mittelalter:

Das Kräuterbuch der Wasserburgen Anholt-und Moyland von 1470.
 

Das Anholter–Moyländer Kräuterbuch, eine wertvolle handschriftliche, reich illustrierte Kopie des Kräuterbuches von Johannes Hartlieb, ist ein besonders aufschlußreiches und erstaunliches Exemplar mittelalterlicher Kräuterbücher. Nachdem 1998 mit der umfassenden wissenschaftlichen Erforschung dieses Schatzes begonnen worden war, wird das Anholter – Moyländer – Kräuterbuch derzeit im Museum Schloß Moyland der breiten Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Gegensatz zu den meisten Kräuterbüchern seiner Zeit ist das Kräuterbuch von Hartlieb, einem Doktor der Medizin, nicht in der lateinischen Sprache sondern in Deutsch verfaßt, richtete sich also nicht nur an Gelehrte, sondern an den “gemeinen Mann“.

Hartlieb´s Buch ist ein Nachschlagewerk und eine praktische Anleitung zur Selbstmedikation mit wilden oder selbst angebauten Kräutern. Diese Art der medizinischen Selbstversorgung – die Tradition des bäuerlichen Kräutergartens- war über viele Jahrhunderte besonders für die ländliche Bevölkerung fernab von Arzt ,Apotheke oder Krankenhaus eine wichtige Quelle der Arzneiversorgung.

Zur Illustration hier ein Textbeispiel, die Beschreibung der Kardendistel:

„Virga pastoris heißt Kardendistel. Das Kraut ist kalt, und wenn man ein Pflaster davon macht ist es gut gegen entzündete Geschwüre. Als gebranntes Wasser ist das Kraut gut für diejenigen, die da Blut spucken. Getrunken verursacht das Wasser kräftiges Harnen.“

 
  Schloß Moyland

vom Kräutergarten aus gesehen.
 

Hartliebs Buch stützt sich teils auf die Lehren des Dioskurides, teils auf das sogenannte „Buch der Natur“ des Regensburger Domherrn Konrad von Megenberg, das um 1350 nach einer lateinischen Fassung der Naturenzyklopädie des Thomas von Cantimpre in deutscher Sprache zusammengestellt wurde.

Hartlieb hat in seinem Buch alle allegorischen Ausdeutungen und christliche Mystifizierung rigoros gestrichen und sich auf die medizinisch relevanten Teile seiner Vorlagen beschränkt.

Hierdurch entstand ein praktisches Kompendium für Medizin und Pharmazie. Neben Teilen aus Megenbergs „Buch der Natur“ wählte Hartlieb zusätzlich 76 weitere Drogen-Monografien aus anderen Quellen aus. Außerdem fließen zahlreiche eigene Beobachtungen und volkstümliches Wissen in die Pflanzenbeschreibungen ein.

Inwiefern hierbei auch das Wissen der Kräuterhexen aufgenommen wurde, läßt sich aus zwei Gründen derzeit nicht genau feststellen. Zum einen haben die damaligen Autoren üblicherweise nur prominente, allgemein anerkannte Quellen wie etwa den griechischen Gelehrten Dioskurides namentlich genannt, um ihre Aussagen zu unterstreichen. Stammte das Wissen aus weniger populären Quellen, blieben diese unerwähnt.

 
  Zeichnung aus dem Kräuterbuch:

Wahrscheinlich wird hier Hopfen dargestellt. Den kannten die Mönche vom Bierbrauen.
 

Da die Schriften und Aufzeichnungen der „Kräuterhexen“ von den christlichen Inquisitoren zusammen mit den Frauen verbrannt wurden und nur wenige Abschriften in der Vatikanbibliothek unter Verschluß gehalten werden, wird es wohl zukünftigen Forschungen vorbehalten bleiben, den Anteil der „wissenden Frauen“ an den Überlieferungen nachzuweisen.

Bemerkenswert am Anholter–Moyländer Kräuterbuch sind die großformatigen Illustrationen sämtlicher Arzneipflanzen und Drogen. Dabei ist jeweils auf der linken Buchseite eine Zeichnung zur der auf der rechten Seite beschriebenen Pflanze. Allerdings ist es meistens nicht möglich, die Abbildungen mit dem Text in Übereinstimmung zu bringen und die Pflanze botanisch zu identifizieren. Offensichtlich hatten die verschiedenen Illustratoren keine oder nur geringe Kenntnis oder Anschauung von den beschriebenen Pflanzen.

Zur Ausstellung sind drei Bücher veröffentlicht worden: ein Faksimile des Anholter–Moyländer Kräuterbuchs ( aus dem sämtliche Zeichnungen in diesem Beitrag stammen), ein wissenschaftlicher Begleitband mit Übersetzung der Texte ins neu-hochdeutsche und ein Band „Pflanzenkunde im Mittelalter“ mit wissenschaftlichen Beiträgen der interdisziplinären Forschung.

 
  Der Kräutergarten von Schloß Moyland

im idyllischen Parkgelände.
 

Für Besucher der Ausstellung "Pflanzenkunde im Mittelalter. Das Kräuterbuch von 1470 der Wasserburgen Anholt und Moyland“ , die noch bis zum 1.11.2004 stattfindet, gibt es noch eine weitere Attraktion. Den Kräutergarten im parkähnlichen Gelände von Schloß Moyland. Dieser Garten wurde 1999 neu angelegt und soll dem Besucher ein typisches Bild eines mittelalterlichen Kräutergartens vermitteln.

Die Pflanzen sind hier nach den „Quellen“ angeordnet. Bei der beeindruckenden Vielfalt von Pflanzen wird hier eine Schwäche dieser Art von Gartenkultur sichtbar Da Standortansprüche und Verträglichkeit einzelner Pflanzen miteinander nicht immer Berücksichtigung fanden, stehen einige Pflanzen trotz gärtnerische Pflege nicht so proper, wie man es sich wünschen würde.

Wer die Ausstellung und den Kräutergarten besuchen möchte, findet weitere Informationen auf der Internetseite von Schloß Moyland : www.moyland.de


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