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  Atropa Belladonna

  Es war einmal ein Mann. Der war ziemlich gemein, fett und hatte eine fiese Visage. Durch krumme Geschäfte und Betrügereien, hatte er sich ein stattliches Vermögen ergaunert. Weil er so viel Geld hatte, war er in der Stadt einer der angesehnsten Bürger. Er spielte mit dem Bürgermeister Karten und soff regelmäßig mit den Stadträten.

Sein liebstes Hobby aber war die Jagd. Er fuhr dafür extra in die schönsten Wälder der Umgebung und bestach die Förster, damit sie ihm die kapitalsten Tiere zum Abschuß reservierten.

Er hatte schon mächtig viele Trophäen an der Wand hängen.

Als er mal wieder mit den Honoratioren der Stadt beim Stammtisch saß und schon mehrere Runden Bier ausgegeben hatte, da kam das Gespräch auf die Jagd und jeder der Herren wollte einen noch größeren, schwereren Bock geschossen haben als der andere.

Plötzlich sagte der Bürgermeister: "Ja, ihr mögt ja alle schon einiges geschossen haben, aber den großen Keiler aus dem Bergwald, den schafft keiner von Euch, wetten?"

"Irrtum" Sagte Heribert, unser fieser Fettwanst "Ich kriege sie alle"

"Gut" Sagte der Bürgermeister, "die Wette gilt. Zehntausend Taler bekommst Du, wenn Du ihn uns binnen einer Woche auf den Tisch legst. Und wenn Du verlierst, dann verrate ich der Zeitung, wie Du die arme Witwe Müller um ihr Erbe gebracht hast."

Heribert guckte etwas grimmig, aber der Ehrgeiz, der größte Jäger der Stadt zu sein, spornte ihn an und er schlug ein. "Ach, eins muß ich Dir noch sagen, Heribert: Im Bergwald soll es nicht geheuer sein, sieh Dich vor!" warnte der Bürgermeister lachend. "Aaaach, alles Ammenmärchen, denen da zeig ich es schon, wartets` ab, ha ha ha!" donnerte Heribert.

Und so wartete Heribert den nächsten Abend ab und machte sich in der Dämmerung auf den Weg zum Bergwald.
 
  Als Heribert

mal wieder mit den Honoratioren der Stadt im Dorfkrug beim Stammtisch saß...
  Als er nun am Waldrand mit seinem Jagdgewehr auftauchte, da wußten die Bäume sofort Bescheid, was er vor hatte. Und die Bäume erzählten es dem Wind und der Erde und die erzählten es wiederum den Tieren und den Kräutern.
Und wo eben noch alles still und mondhell gewesen war und sich kein Lüftchen geregt hatte, da erhob sich nun ein tosender Aufruhr.

Einfach so ein Tier töten zu wollen, nur, um es als Trophäe vorzuführen und noch dazu das schönste und kräftigste seiner Art, - das löste bei allen Wesen des Waldes einen Sturm der Entrüstung aus.

Der Wind wurde zum Sturm, die Erde ließ Nebel aufsteigen, die Bäume bogen sich bedrohlich hin und her, - Steine kollerten Heribert zwischen die Füße und er verhedderte sich in Gestrüpp und Baumwurzeln.

Gelbe Augenpaare, die hier und da aus der Dunkelheit hervorblitzten erschreckten ihn und weil die Nacht so schwrz und der Nebel so dicht geworden war, konnte er den Weg nicht mehr finden.

Plötzlich hörte der Sturm auf und Heribert wollte schon erleichtert aufatmen, da fuhr plötzlich ein Blitz in einen toten Baum direkt vor ihm. Die Erde bebte und er wurde niedergestreckt. Das laute Krachen hatte ihn dermaßen erschreckt, daß er die Besinnung verlor.

Ein eiskalter, prasselnder Regenguß weckte Heribert wieder auf. Er rappelte sich hoch und versuchte wieder voranzukommen. Der Regen wurde stärker und stärker und der Boden weichte immer mehr auf. Schon längst hatte der Dicke seine Flinte verloren und auf Wildschweinjagt hatte er schon lange keine Lust mehr.

Weit und breit war kein Weg und kein Steg zu sehen. Ringsum erstreckte sich dichtes Gestrüpp und Unterholz. Heribert kam nur schwer voran. Seine Hosenbeine verhedderten sich im Brombeergestrüpp. Soetwas kannte er nicht. Er war es gewohnt, daß man Sträucher und Gras abmähte, bevor er kam, damit er seine Beute besser sehen konnte. Seine Kleider waren nun zerfetzt, völlig durchnässt und schlammig.

Nachdem er sich eine Ewigkeit, so schien ihm, voran gekämpft hatte, war er so erschöpft, daß er einfach ohnmächtig im Schlamm zusammenbrach.
 
  Im Wald

wo eben noch alles still und mondhell gewesen war und sich kein Lüftchen geregt hatte...
  Er erwachte erst, als ihn ein furchtbar leeres Gefühl im Magen drückte. Er war es nicht gewohnt, solange nichts zu essen und war schrecklich hungrig. Inzwischen hatte der Regen aufgehört.

Da plötzlich entdeckte er neben sich ein Kraut, an dem verführerische schwarze Beeren hingen. Es schien ihm, als wäre es gerade erst aus dem Boden gewachsen und weil er man gerade so ein Wildschwein von einer Kuh unterscheiden konnte, von Pflanzen aber keinerlei Ahnung hatte, griff er freudig zu. Die schwarzen Beeren schmeckten recht annehmbar und so pflückte er gierig noch mehr.

Doch gerade hatte er die fünfte Beere heruntergeschluckt, da wurde ihm plötzlich sehr eigenartig.

Er fiel zu Boden und bekam kaum noch Luft.

Ihn quälte mächtiger Durst und das Mondlicht, das nun wieder sanft durch die Bäume schimmerte, blendete ihn schrecklich. Er konnte sich nicht mehr rühren und lag wie angekettet auf dem feuchten Waldboden, mit dem Gefühl, als ob er unter einem tonnenschweren Felsblock begraben läge.

Ihm schwanden die Sinne.

Mit einem Mal war es ihm, als würde er durch die Luft gewirbelt. Um ihn her rauschte und krachte es. Blitze zuckten und es hämmerte in seinem Kopf. Die Einzelteile seines Körpers schienen sich in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen.

Plötzlich spürte er einen Sog, der von einem riesigen schwarzen Loch ausging. Und schon fiel er in den schwarzen, endlosen Schlund...und fiel und fiel und fiel...
 
  Atropa belladona

Da entdeckte Heribert neben sich ein Kraut, an dem verführerische schwarze Beeren hingen...
  Und da, - klatsch!- landete unser Heribert sehr unsanft auf einem kalten glitschigen Untergrund. Das Loch, durch das er hereingekommen war schloß sich und nun befand er sich in einem stockdunklen Tunnel, dessen Ende von einem schwachen, grünen Licht erhellt wurde. Es war eiskalt dort drinnen. Die Kälte kroch ihm in die Knochen und es fiel ihm schwer aufzustehen.

Zitternd tappte er auf das Licht zu. Langsam gewöhnten sich auch seine Augen an die Dunkelheit und er konnte erkennen, daß an den schwarzen, felsigen Wänden der Höhle überall kleine Rinnsale liefen. Er mußte sich tief unter der Erde befinden. Angst schnürte ihm die Kehle zu.

Er hatte immernoch schrecklichen Durst. Als er sich aber einem der Bächlein näherte, um zu trinken, da versiegte es auf der Stelle und kam woanders wieder zum Vorschein. Jedes Mal, wenn das geschah, hörte er ein vielstimmiges silbriges Lachen.

Als er dem grünen Lichtschein schon sehr nahe war, gewahrte er in seiner Mitte eine Gestalt, die Gestalt einer Frau. Sie war in ein leuchtend grün-schwarzes Gewand gehüllt. Arme und Gesicht waren weiß und glänzten feucht. Das lange, schwarze Haar fiel bis zu ihren Füßen und aus großen schwarzen Augen sah sie ihn unverwandt an. Die Frau war sehr schön aber sie war auch unheimlich und Heribert lief ein kalter Schauer über den Rücken.

Irgendeine unsichtbare Kraft zwang ihn auf die Knie und nun kauerte er wie ein Häufchen Elend zu Füßen der Erscheinung. Er zitterte vor Angst und Kälte wie Espenlaub.

Endlich tat sie den Mund auf und sprach zu ihm:
 
  Heribert erwachte .

in einem stockdunklen Tunnel, dessen Ende von einem schwachen, grünen Licht erhellt wurde..
  "Sei gegrüßt Heribert, ich bin Atropa, die Menschen nennen mich auch Belladonna. Wie mir die Erde, der Wind und die Bäume erzählten, hast du schon viele Tiere zum Spaß umgebracht und auch sonst hört man so einige unschöne Dinge über Dich! Und jetzt wolltest Du auch noch die Ruhe meines Waldes stören? Ich habe Dich in mein Reich geholt damit du keinen Schaden mehr anrichten kannst. Nun Heribert, hast Du etwas dazu zu sagen?" Ihr scharfer Blick ruhte weiter auf ihm.

Heribert drang der Schweiß aus allen Poren. Er mußte sich sehr anstrengen, um überhaupt ein Wort herauszubekommen.

"...b...bb...bbbitte, tu mir nichts, ich will auch nie mehr einem TT...T..Tier etwas tun, ich verspreche es! Es tut mir sehr leid, was ich getan habe aber bitte laß mich wieder zurück, hier ist es so kalt und gruselig."

"Aha, es tut Dir also leid? Nun ja, ich wollte Dich eigentlich für immer hier behalten, aber ich gebe Dir noch eine Chance, - wenn Du schwörst, ab sofort das Jagen sein zu lassen, allen Menschen, Tieren und Pflanzen respektvoll zu begegnen und Vegetarier zu werden."

"Aber wieso soll ich Vegetarier werden?..."

"Bitte, Du kannst auch hier bleiben!"

...."Sch..sch...schon gut, ich werde Vegetarier"

"Glaube mir mein Lieber das wird Dir gut bekommen, dann bist Du auch bald nicht mehr so fett! - Nun gut, dann will ich Dir Dein Leben schenken!"

"Oh vielen, vielen Dank schöne Atropa ich werde das alles einhalten" Versicherte Heribert kleinlaut. Er dachte bei sich: "Wenn ich erst einmal hier raus bin, dann kann die mir gar nichts mehr."

Atropa antwortete: "Das wirst Du auch einhalten müssen, denn eines hab ich Dir noch nicht gesagt. Jeder, der einmal bei mir hier unten war, kann niemals mehr vollständig zurückkehren. Einen Teil von sich muß er hierlassen, ob er will oder nicht. Ich habe also immer noch Macht über Dich. Ich warne Dich - sollte ich Dich jemals wieder bei einer Gemeinheit erwischen, dann hole Dich auf der Stelle hier herunter und ein zweites Mal kommst Du mir nicht davon, verstanden!?"
 
  Sechs Monate später haben sie dann geheiratet und sich ein Landhäuschen mit Garten gekauft.

  Das allerdings jagte Heribert erneut den Schweiß auf die Stirn. Aber was blieb ihm anderes übrig? Es sah so aus, als ob er sein Leben mächtig auf den Kopf stellen müßte, wenn er nicht für immer in dieser kalten dunklen Höhle gefangen sein wollte.

"Etwas will ich Dir noch mit auf den Weg geben" sagte Atropa "Ich passe zwar auf, daß Du keine Dummheiten machst, aber Du brauchst jemanden, der Dich unterstützt, Dein Leben neu zu gestalten. Ich werde Dir in Deinen Träumen meine weisen Kolleginnen Urtica, Salvia und Achillea vorbeischicken. Die werden sich um Dich kümmern. Tu einfach, was sie Dir raten!

Also machs` gut Dickerchen!"

Dann verschwand Atropa und Heribert wurde schwarz vor Augen.

Als er erwachte , lag er wieder auf dem Waldboden. Seine Glieder schmerzten, ihm war kalt und er hatte einen mächtig schweren Kopf. Als er die Augen aufschlug blendete ihn die Sonne noch sehr. Langsam rappelte er sich auf, noch etwas benommen und sehr durstig.

Jetzt sah er, daß der Weg gar nicht so weit weg gewesen war und daneben entsprang eine frische Quelle. Da löschte er erst einmal seinen Durst. Etwas gestärkt machte er sich auf den Heimweg.

Wie es mit Heribert weiter ging?

Nun, ich habe gehört, daß er zuerst der Witwe Müller ihr Erbe wieder beschafft hat. Als er sich dann mit einem enormen Blumenstrauß und einer Schachtel Pralinen persönlich bei ihr entschuldigen ging, hat sie ihn zum Kaffee eingeladen. Da muß es wohl zwischen den beiden gefunkt haben. Sechs Monate später haben sie dann geheiratet und sich ein Landhäuschen mit Garten gekauft. Heribert ist nun Biogärtner. Zwischen Kohl und Salat wachsen bei ihm Brennesseln, Salbei und Schafgarbe und in einer geschützten Ecke hat sich auch Atropa Belladonna niedergelassen.

Seinen Enkeln erzählt er sehr oft von seinem Erlebnis und er schärft ihnen ein, daß sie der Natur und allem was lebt mit Achtsamkeit und Respekt begegnen müssen .

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