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  Das Märchen von der Kräuterhexe Ilse

  Es war einmal eine kleine Hexe. Die lebte tief in einem riesigen Wald auf einer freundlichen Lichtung. Ihr Häuschen war ganz aus Holz und schon so alt, daß das Dach über und über mit Moos, Gras und Kräutern überwachsen war. Es stand inmitten eines üppig grünenden und blühenden Gartens, dem Ilse, so hieß die Hexe, mit liebevoller Pflege allerlei Köstlichkeiten und auch Heilsames entlockte. Der Wald, indem sie lebte, war riesig. Man konnte sich dort so sehr verirren, daß man schon mehrere Tage brauchte, um wieder herauszufinden.

Dorthin, wo Ilse wohnte, das war, wo sich Fuchs und Hase "Gute Nacht" sagen, verirrte sich nur ganz selten ein Mensch. Die Menschen hatten Angst vor dem großen Wald. Er war ihnen unheimlich. Mütter verboten ihren Kindern dort hinein zu gehen und abends am Kaminfeuer erzählten sich die Leute schauerliche Geschichten von Geistern Trollen und Wehrwölfen, die dort umgehen sollten. Man erzählte sich sogar die Geschichte, daß tief im dunklen Wald der Teufel selbst sein Quartier aufgeschlagen hatte. Einige Holzfäller wollten dort sogar den Eingang zur Hölle mit eigenen Augen gesehen haben.

Und so kam es, daß niemand freiwillig in den Wald ging.Dadurch war Ilse ganz allein. Aber das machte ihr nicht viel aus. Sie verstand sich gut mit allen Tieren und sprach sogar mit den Pflanzen. Ihr großer schwarzer Kater mit Namen Rhizinus bewachte das Haus. Der Uhu, der in einer alten Eiche hinter dem Haus wohnte, überbrachte alle Neuigkeiten aus den umliegenden Städten und Dörfern und die Waldtiere unterrichteten sie über alles, was im Wald vor sich ging.

Vor einiger Zeit hatte sich auf dem Dachboden der Hütte eine Schleiereule eingenistet, die jedes Jahr mit einer Schar von Kleinen für Unterhaltung sorgte.

Ilse lebte also ein beschauliches Leben. Sie murkelte in ihrem Gärtchen, sammelte Kräuter und Früchte und stellte aus allem, was die Natur zu bieten hatte Heilendes und Wohlschmeckendes her.

Wenn das Wetter gut war, dann schnallte sie sich ihre Kiepe auf den Rücken und schaffte all ihre Kostbarkeiten auf den Markt zum Verkauf.
 
  Das Häuschen der Hexe Ilse

...das Dach mit Moos, Gras und Kräutern überwachsen...
  Die Menschen in den Städten und Dörfern waren ganz scharf auf ihre Kräuter und Elixiere, weil sie wußten, daß diese Lebenskraft und Gesundheit verleihen konnten. Ilse selbst jedoch war dem ein oder anderen, speziell den Priestern, Quacksalbern und auch dem König, ein bißchen unheimlich.

Das kleine, runzlige Weiblein, erregte immer wieder einiges Aufsehen, wenn sie mit ihrer riesigen Kiepe Richtung Marktplatz trippelte. Ihre Stammkundschaft jedoch faßte sehr schnell Vertrauen und bescherte der kleinen Hexe so ein reichliches Auskommen.

Eines Tages nun geschah es, es war Anfang März, die Menschen hatten einen kalten, harten Winter hinter sich, da wütete in der Stadt eine schreckliche Grippewelle. Alles hustete und schniefte, daß die Stadtmauern erzitterten.

Wieder einmal, nach langer Zeit, hatte sich Ilse aus ihrem behaglichen Wald herausgewagt und war auf dem Weg zum Markt. Der Uhu hatte ihr schon von der Grippe berichtet und so war sie bepackt mit Sachen, wie, Holunderblüten, Lindenblüten, Mädesüß, Holunderwein und allerlei frischem Grünzeug von den wilden Waldwiesen in aller Frühe aufgebrochen.

Die Leute erwarteten Ilse schon am Stadttor und entrissen ihr förmlich ihre wertvollen Waren. Es versprach ein gutes Geschäft an diesem Tag zu werden und die kleine Hexe freute sich schon, heute früh den Heimweg antreten zu können. Aber es kam anders.

Es war nämlich so, daß auch des Königs kleines Söhnchen die Grippe hatte und es hatte ihn mächtig erwischt. Dem Kleinen, der etwa 4 Jahre alt war, ging es sehr schlecht und die Behandlungen der königlichen Quacksalber, die ihn mit Klistier, Aderlaß und zweifelhaften Pülverchen traktierten, machten alles nur noch schlimmer. Die Priester, die, ihren Sermon betend, im Zimmer umherwanderten und Weihwasser verspritzten, verbreiteten die Stimmung einer Totenmesse.

Die Fenster und Vorhänge waren geschlossen, denn man hielt Licht und Luft für schädlich. Dementsprechend roch es auch im Zimmer. Alle machten sich große Sorgen.

Nachdem die Quacksalber alle ihnen bekannten Methoden an dem Kleinen ausprobiert hatten, sagten sie, daß man jetzt nichts mehr tun könnte und daß nun nur noch Gottvertrauen helfen würde.
 
  An kalten Winterabenden

... wärmte sich Ilse an Ihrem Kamin mit einem Kräutertee.
  Der Königin, die die ganze Zeit bei ihrem Kind gewacht hatte und mit ansehen mußte, wie es ihm unter den Händen der Gelehrten immer schlechter ging, wurde es jetzt zu bunt. Kurzerhand warf sie die ganze Mischpoke einschließlich der Priester aus dem Zimmer. Sie wußte, daß dies ihrem Gemahl, dem Köni, nicht sehr gefallen würde, denn er war immer darauf aus, die Kirchenmänner nicht zu verärgern. Das kümmerte sie aber im Moment nicht.

Sie war nun ganz allein mit ihrem Söhnchen.

Während sie die Weihwasserpfützen vom Fußboden aufwischte, - heiliges Wasser hin oder her aber man konnte böse darauf ausrutschen, - überlegte sie, was nun zu tun sei, um ihr kleines Kindchen zu retten. Denn das spürte sie, ohne Hilfe würde er die nacht nicht überleben.

Da erinnerte sie sich, daß die Köchin einmal etwas von einem Weiblein erzählt hatte, das auf dem Markt heilsame Kräuter und Tränke feilbot und daß die Menschen bei ihr Schlange ständen. Sie wußte gar nicht recht warum, aber sie hatte das Gefühl, daß die Alte ihr helfen könnte, - und schließlich mußte sie ja alles versuchen, auch wenn sie wußte, daß der Bischof behaubtete, das Kräuterweib wäre in Wirklichkeit des Teufels Großmutter persönlich.

Sie ließ also Mathilde die Köchin holen.

Die war sehr bestürzt, als sie das kleine Häufchen Elend, daß vor einer Woche noch ein munterer kleiner Junge gewesen war, in seinem Bettchen liegen sah, blaß und abgemagert.

"Ihr müsst unbedingt Ilse holen lassen, Frau Königin! Die weiß bestimmt, was zu tun ist, um den kleinen Prinzen zu retten."

Und so erklärte sich Mathilde höchstselbst bereit, die Hexe zu holen.
"Und paß auf, das Dich niemand sieht, wenn Du Dich aus dem Schloß schleichst, hörst Du?! Du darfst niemandem verraten, was Du vorhast!" - schärfte die Königin der Köchin ein.
 
  Mathilde machte sich

dick eingehüllt Richtung Marktplatz auf den Weg
  Der König, der in Staatsgeschäften unterwegs war, wußte noch nichts von der Krankheit seines Sohnes und die Hofschranzen, die von den Quacksalbern unterrichtet worden waren, übten schon einmal aufgesetztes Weinen für die Beerdigung. So war es besser, wenn niemand sonst vom Vorhaben der beiden Frauen erfuhr.

Mathilde marschierte also los. Dick eingehüllt und mit einem Schal um den Kopf hatte sie sich durch die Hintertür aus dem Schloß geschlichen und Richtung Marktplatz auf den Weg gemacht.

Dort angekommen traf sie Ilse an, die gerade ihren Proviant verspeiste, um sich für den Heimweg zu stärken. Ein Schlückchen Holunderwein hatte ihr Nase und Bäckchen rot gefärbt. Besorgt hörte die Hexe, was Mathilde zu erzählen hatte. Sie hatte den Kleinen schon oft in ihrem magischen Spiegel beim Spielen beobachtet und dabei viel Spaß gehabt. Sie mochte Kinder gern und fand, daß er ein herziges Kerlchen war.

Sofort packte sie ihre sieben Sachen zusammen und folgte der Köchin zum Schloß. Es gelang den beiden, wieder unbemerkt zum Kinderzimmer zu kommen, wo die Königin sie schon bangend erwartete. Natürlich sah Ilse, wie schlecht es dem Kind ging aber sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen.

Statt dessen krempelte sie die Ärmel hoch und öffnete erst einmal Vorhänge und Fenster, nachdem das Bett an den warmen Kamin geschoben worden war. Als die Köchin unterwegs war, um einiges aus der Küche zu holen, legte Ilse einige trockene Salbeiblättchen auf ein Tellerchen und zündete sie an.

Bald verbreitete sich der reinigende, würzige Rauch im ganzen Zimmer und als er zum Fenster hinausflog, nahm er alle düsteren Nebel, - Sorgen - und Trauerwolken mit sich fort. Plötzlich verbreitete sich Klarheit und Leichtigkeit im Zimmer und das Kind erwachte aus seinem unruhigen, fiebrigen Schlaf.

Die Hexe sprach leise zu ihm, lächelte ihm freundlich zu und strich ihm über den heißen Kopf. Die Mutter freute sich, daß ihr Kleiner ein Lebenszeichen von sich gab. Das machte ihr Mut und sie faßte Vertrauen zu dem alten Weib.
 
  Ilse wachte

die ganze Nacht bei dem kleinen Prinzen.
  Schon verbreitete sich die frische, gesunde Frühlingsluft im Zimmer und bald, nachdem die Köchin mit den geforderten Sachen aus der Küche zurückgekehrt war, mischte sich dazu der seltsame, köstliche Duft des Süppchens dazu, daß Ilse aus allerlei merkwürdigen Zutaten braute.

Sie tat Knoblauchzehen, Zwiebeln, eine scharfe, aromatische Wurzel und eigenartige spitze Früchte (wir wissen, daß es Ingwer und Chilis gewesen sein müssen) zu einer kräftigen Brühe in den Topf. Am Ende kam noch etwas Apfelessig und eine Hand voll frischer, grüner Wiesenkräuter hinzu.

Auch ein Teekessel wurde aufgesetzt. Bald dampfte in einem Krug ein heißer, duftender Tee aus Holunderblüten, Lindenblüten und Mädesüß.

Zum Schluß erhitzte Ilse noch etwas Holunderwein und löste süßen Honig darin auf. Bei allem, was sie tat, murmelte sie Sprüchlein vor sich hin und obwohl es draußen schon dunkel geworden war, verbreitete sich im Zimmer eine warme, lichte Stimmung - und das kam nicht nur von den Kerzen.

Nachdem die Frauen dem Kleinen von all den guten Sachen etwas eingeflößt hatten, färbten sich seine Wangen wieder leicht rosa, sein Atem ging ruhiger und er fiel in einen tiefen, ruhigen Schlaf. Ilse beauftrage die Köchin, drei Teller, drei Becher und etwas Brot aus der Küche herbeizuschafften.

Dann setzten sich die drei um einen kleinen Tisch am Fenster, - ins silberne Mondlicht und aßen und tranken selbst, bis ihnen nicht nur die Füße, sondern auch die Herzen warm wurden. In dieser Nacht schlossen die drei Frauen Freundschaft und stießen mit süßem Holunderwein darauf an.

Die Königin und die Köchin waren beide sehr erschöpft und so schliefen auch sie bald tief und fest ein. Die Königin träumte in dieser Nacht von einer wunderschönen alterslosen Frau, die aus einem blühenden Holunderbusch heraustrat und ihr sagte, daß sie sich nun keine Sogen mehr um ihr Kind zu machen brauche, denn in drei Tagen sei es wieder kräftig und fröhlich, wie zuvor. In dieser Nacht erholte sie sich wunderbar.

Ilse aber wachte die ganze Nacht bei dem kleinen Prinzen. Sie achtete darauf, daß er gut zugedeckt war und sprach hin und wieder einen Zauberspruch über ihn. Als dann der neue Tag anbrach und die Morgensonne ins Zimmer schien, da war nichts mehr übrig von der Düsternis, die noch am Vortag hier geherrscht hatte. Als die Königin und die Köchin erwachten, war die kleine Hexe schon wieder am Kamin mit der Zubereitung neuer Heiltränke beschäftigt.
 
  Der König schenkte Ilse das stärkste und gutmütigste Pferd aus seinem Stall."

  Der Kleine erwachte und seine Augen leuchteten wieder lebendig und klar und als er mit seinem hellen Stimmchen verkündete, er habe Hunger, da war seine Mutter ganz aus dem Häuschen vor Freude.

Als es dann an klopfte und die Quacksalber mit dem erwartungsvollen Sargtischler vor der Türe standen, da hatte die Königin nur eins zu sagen: " Ihr seid entlassen! Sucht Euch jemand anderen, den ihr zu Tode kurieren könnt!"

Schnell verbreitete sich im Schloß die Kunde von der wunderbaren Heilung. Der König, der seinen Staatsbesuch abgebrochen hatte, weil man ihm die Kunde von der Krankheit seines Kindes zugetragen hatte, traf gerade ein.

Er glaubte jetzt dem Bischof kein Wort mehr, -naja, selbst wenn Ilse des Teufels Großmutter wäre, was wäre schon dabei? Angesichts der freudigen Ereignisse ließ er sofort ein Fest ausrichten und bat Ilse zu bleiben und mit ihnen zu feiern. Er war übervoll des Lobes und des Dankes und bot ihr eine gut bezahlte Stellung als Hofgärtnerin und Hofkräuterhexe an.

Aber Ilse sagte, sie fühle sich in ihrem Wald sehr wohl und möchte lieber dort wohnen bleiben. Und als er sie fragte, was sie denn als Entgelt für ihre Dienste haben wolle, da wünschte sie sich ein kräftiges, gesundes Pferchen, daß sie und ihre Waren in die Stadt und wieder nach Hause transportieren könnte. Schließlich war sie ja auch nicht mehr die Jüngste.

Der König schenkte ihr das stärkste und gutmütigste Pferd aus seinem Stall. Als das Fest zuende war, da verabschiedete sich unsere Hexe vom kleinen Prinzen und dem König.Mit der Königin und der Köchin aber verabredete sie sich zum Kaffeekränzchen in ihrem Hexenhaus.

Dann machte sie sich auf ihrem neuen Pferd auf den Heimweg. Der Uhu kam ihr schon entgegen geflogen und als sie die Gartenpforte öffnete, schnurrte Rhizinus ihr zur Begrüßung um die Beine.

In der Hütte schürte sie erst einmal das Feuer und kochte sich einen kräftigen , heißen Tee. Und noch während sie ihr Abenteuer aufschrieb, fiehlen ihr die Augen zu und sie schlief drei Tage und drei Nächte tief und fest.

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